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Günther Glebe und Helmut Schneider (Hrsg.)
Lokale Transformationsprozesse in der Global City Düsseldorf-Oberbilk – Strukturwandel eines citynahen Stadtteils
Düsseldorf 1998
Was macht Oberbilk als Untersuchungsraum interessant?
Der citynah gelegene Düsseldorfer Stadtteil Oberbilk, als erstes Industrie- und Arbeiterviertel der Stadt entstanden, wird seit Ende der siebziger Jahre von einem immer rascher verlaufenden ökonomischen, baulichen, aber auch sozialen und kulturellen Strukturwandel erfaßt. Mit der rapiden Deindustrialisierung, die von der Schließung des Oberbilker Stahlwerks Ende der siebziger Jahre bis heute zum Verschwinden aller größeren Industriebetriebe geführt hat, wurde fast ein Drittel der Stadtteilfläche innerhalb des Gleisdreiecks für neue Nutzungen frei. Überplanung und Neugestaltung dieser ehemals industriell genutzten Flächen, vorwiegend für hochrangige tertiäre Nutzungen, in geringerem Maße auch für Wohnzwecke, sind erst teilweise abgeschlossen. Sie verändern die baulich-physiognomische Gestalt des Stadtteils auf dramatische Weise. Mit der wachsenden Zahl von Angehörigen einer „neuen Dienstleistungsklasse“, für die Oberbilk zunächst zum Arbeitsstandort, dann teilweise aber auch zum Wohnstandort wird, sind jedoch auch erhebliche Auswirkungen auf die Bevölkerungsstruktur und das soziokulturelle Milieu, möglicherweise auch die Verdrängung einzelner Bevölkerungsgruppen zu erwarten. Innerstädtische Transformationsprozesse dieser Art sind besonders in solchen Städten zu beobachten, die als strategische Knotenpunkte der Weltwirtschaft in das weltweite Netz von Global Cities einbezogen sind. Dazu gehört, auf einer nachgeordneten Hierarchiestufe, auch die Landeshauptstadt Düsseldorf.
„Arbeitsgruppe Oberbilk“ am Geographischen Institut
Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des „Lehrstuhls für Kulturgeographie und Entwicklungsforschung“ am Geographischen Institut der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf haben sich im Rahmen eines gemeinsamen Forschungsprojektes seit 1994 mit verschiedenen Aspekten des Strukturwandels im Stadtteil Oberbilk beschäftigt. Arbeitsteilig kamen dabei quantitative und qualitative Forschungsmethoden zur Anwendung: Auswertung und Analyse statistischer Aggregatdaten mit Hilfe multivariater Verfahren, standardisierte Befragungen von Haushalten und Handwerksbetrieben, Tiefeninterviews und Kartierungen. Im Rahmen verschiedener Praktika haben daran auch zahlreiche Studierende des Geographischen Instituts mitgewirkt. Eine Arbeitsruppe hat darüber hinaus eine Fotoausstellung über den Stadtteil erarbeitet, die bereits mehrfach der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Mitgearbeitet haben in der „Arbeitsgruppe Oberbilk“ Claudia Dehling, Dr. Martina Fuchs, Dr. Helmut Geist, Prof. Dr. Günther Glebe und Dr. Helmut Schneider. Die jetzt publizierte 280 Seiten starke Oberbilk-Studie umfaßt sieben wissenschaftliche Originalbeiträge, die im folgenden mit Inhaltsverzeichnissen und Kurzfassungen vorgestellt werden, sowie 45 Karten und Grafiken, darunter zwei großformatige Luftbildkarten (Oberbilk 1958 und 1995) und 14 Fotoseiten.
Gliederung
Helmut Schneider und Günther Glebe Einführung zu den Beiträgen dieses Bandes
Helmut Schneider Global City Düsseldorf? Weltstadt-Hypothese und innerstädtische Transformationsprozesse
Günther Glebe Oberbilk – ein innerstädtisches Industrie- und Arbeiterviertel im Industriezeitalter
Günther Glebe und Helmut Schneider Going global? Städtebaulicher Wandel in Oberbilk
Günther Glebe und Claudia Dehling Postindustrielle Transformationsprozesse in Oberbilk: Sozialer Wandel, sozialräumliche Dynamik und Heterogenisierung in einem innerstädtischen Industrie- und Arbeiterviertel
Helmut Geist und Günther Glebe Struktur- und Funktionswandel des Handwerks in Düsseldorf- Oberbilk
Helmut Schneider Gentrification in Düsseldorf-Oberbilk? Innerstädtische Milieuveränderung und Lebensstildifferenzierung
Martina Fuchs „Hinter den Gleisen: Leben und Arbeiten in Oberbilk“. Qualitative Methoden zur Annäherung an ein innerstädtisches Quartier
Inhaltsverzeichnis und Zusammenfassung der Einzelbeiträge
Helmut Schneider Global City Düsseldorf? Weltstadt-Hypothese und innerstädtische Transformationsprozesse
1. Einleitung 2. Grundzüge der Weltstadt-Hypothese 2.1 Globalisierung und Weltstadtformation 2.1.1 Weltstadtbegriff 2.1.2 Ursachen der Globalisierung · Technologische Innovationen · Geld regiert die Welt: Internationalisierung der Finanzmärkte · Krise des Fordismus 2.1.3 Auswirkungen der Globalisierung · Kompetenzverlust des Nationalstaats · Neue Logik der Segregation · Global Cities: Strategische Knoten im globalen Netz · Neue Verknüpfungen von Globalem und Lokalem 2.2 Innerstädtische Effekte der Global-City-Formation 2.2.1 Global Cities: Produktions- und Vermarktungsstandorte von „Global Control Capability“ 2.2.2 Soziale Polarisierung und räumliche Segregation 2.2.3 Gentrification und kultureller Wandel · Neue Lebensstile und Konsummuster · „Postmoderne“ Architektur 2.2.4 Im Brennpunkt: Zentrumsnahe innerstädtische Quartiere 3. Global City Düsseldorf 3.1 Düsseldorfs Stellung in der Städtehierarchie 3.2 Ausgewählte Global-City-Merkmale 3.2.1 Finanzplatz Düsseldorf“ 3.2.2 Headquarter-Standort Düsseldorf 3.2.3 Hochrangige Dienstleistungen: Beispiel Werbebranche 3.2.4 Internationaler Marktplatz: Messestandort Düsseldorf 3.2.5 Hochrangige Verkehrsinfrastruktur: Beispiel Flughafen 3.2.6 Immobilienmarkteffekte 4. Schlußbemerkung Literatur
Zusammenfassung Im Zuge des anhaltenden Globalisierungsprozesses zeichnen sich mit der Formierung einer weltumspannenden Hierarchie von Weltstädten oder Global Cities die Konturen eines neuen Typs von Urbanisierung ab: An einigen strategischen Knotenpunkten im Netzwerk der globalen Ökonomie konzentrieren sich Unternehmenshauptquartiere, die Institutionen des Finanzsektors und vor allem ein breites Spektrum hochrangiger Dienstleistungen, die zusammen an der Produktion und Vermarktung globaler Kontroll- und Steuerfunktionen („global control capability“) beteiligt sind. Düsseldorf gehört zwar nicht wie London, New York und Tokyo zur Spitzengruppe der Global Cities, und auch im europäischen Rahmen sind Städte wie Paris, Zürich, Amsterdam oder Frankfurt am Main hinsichtlich ihrer hochrangigen Steuer- und Kontrollfunktionen bedeutsamer. Als regionales Zentrum ist die Landeshauptstadt aber auf einer dritten Hierarchiestufe durchaus in das weltumspannende Netz der Global Cities einbezogen, wie eine Untersuchung exemplarisch ausgewählter Merkmale zeigt. Damit stellt sich die Frage, inwieweit sich auch für Düsseldorf global-city-typische innerstädtische Effekte wie z.B. die Trends zu sozialer Polarisierung und räumlicher Segregation identifizieren lassen. Als charakteristische Begleiterscheinungen der Global-City-Formierung gelten insbesondere die baulich-soziale Aufwertung und die kulturelle Veränderung innenstadtnaher Wohn- und Gewerbequartiere, ein Prozeß, für den sich im stadtgeographischen und stadtsoziologischen Fachjargon die Bezeichnung „Gentrification“ durchgesetzt hat.
Günther Glebe Oberbilk – ein innerstädtisches Industrie- und Arbeiterviertel im Industriezeitalter
1. Vorbemerkungen 2. Von der bäuerlichen Siedlung zum Industriestandort 3. Arbeitsmigration und Bevölkerungsstruktur 4. Die städtebauliche Entwicklung Oberbilks 4.1 Stadtteil hinter Bahndämmen 4.2 Geschäftsstraßen und Wohnungsbau 4.3 Die Träger des Wohnungsbaus 5. Wohnen und Leben im Arbeiterviertel – Sozialstruktur und Lebensverhältnisse 6. Oberbilk in der spätindustriellen Periode 6.1 Wiederaufbau und Bevölkerungsentwicklung in der ersten Nachkriegsphase 6.1.1 Die Kriegszerstörung: Ein Stadtteil in Schutt und Asche 6.1.2 Der Wiederaufbau 6.2 Bevölkerungsentwicklung und Bevölkerungsmigration in der spätindustriellen Nachkriegsphase 6.2.1 Die „Gastarbeiter“-Zuwanderung 6.3 Oberbilk am Ende der industriellen Periode Literatur
Zusammenfassung Unternehmen aus Belgien und der Eifel entwickelten Oberbilk in der frühindustriellen Periode ab der Mitte des 19. Jahrhunderts zum bedeutendsten Industrieviertel Düseldorfs. Städtebaulich prägend für Oberbilk wurde die Reorganisation des Eisenbahnnetzes in Düsseldorf in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts. Mit der Aufschüttung der Bahndämme wurde Oberbilk visuell und physisch vom bürgerlichen Düsseldorf getrennt und zu einer Art „industriellem Hinterhof“ der Stadt, eine Situation, die sich erst in den achtziger Jahren dieses Jahrhunderts ändern sollte. Auch wenn die industriellen Impulse von außen kamen, so wurde doch die bauliche Entwicklung, insbesondere der Wohnungsbau für die schnell wachsende Arbeiterschaft, vor allem durch lokale Bauherren getragen. Leben in Oberbilk bedeutete Wohnen in beengten Verhältnissen und Abhängigkeit von den Arbeitsplätzen in der Eisen- und Stahlindustrie. Arbeitsmigranten haben in der frühindustriellen und erneut am Ende der spätindustriellen Periode Bevölkerungsentwicklung und zusammensetzung des Viertels stark beeinflußt. In den ersten Jahrzehnten nach dem 2. Weltkrieg blieb nach dem Wiederaufbau des stark zerstörten Stadtteils die industrielle Prägung und auch die sozioökonomische Struktur des Arbeiterviertels weitgehend erhalten, wurde jedoch durch Flüchtlings- und später Gastarbeiter-zuwanderung um einige Facetten bereichert. In den siebziger Jahren deuten Veränderungen in der Wirtschaft auf den nachfolgenden Niedergang der industriellen Periode Oberbilks hin.
Günther Glebe und Helmut Schneider Going Global? Städtebaulicher Wandel in Oberbilk
1. Postindustrieller städtebaulicher Wandel und der Übergang zur „Entrepreneurial City“ · Fordismuskrise und Globalisierung · Deindustrialisierung · Wettbewerbsstaat und „Entrepreneurial City“ 2. Oberbilk im Stadtentwicklungsprozeß der Nachkriegszeit 2.1 „Vernachlässigtes Viertel hinter den Bahndämmen“ 2.2 Verkehrsplanung und Stadtteilerneuerung 2.3 Die Bedeutung der Bundesgartenschau für die Stadtteilerneuerung 3. Städtebauliche Auswirkungen der Stadtteilerneuerung 3.1 Modernisierung, sozialer Wandel und Milieuschutz 4. Das Ende der Isolation: Sanierungsplanung und städtebaulicher Wandel des Stahlwerksgeländes 4.1 Die Planungsphase 4.2 Von Planern, Politikern, Betroffenen und Investoren · Kein „Klein-Manhattan“ · Ein alter Plan in neuem Gewand · Bürgerbeteiligung – zwischen Zustimmung und Kritik · Die Cityerweiterung fordert ihren Tribut · Die Durchführungsphase – finanzstarke Investoren und eine finanzschwache Kommune · Oberbilk im Griff der City – die Entwicklung in den neunziger Jahren 5. Überplanung der letzten großen Altindustrieflächen: IHZ- und VKW-Gelände 5.1 Going Global: Das Konzept eines Internationalen Handelszentrums 5.1.1 Städtebaulicher Ideenwettbewerb 5.1.2 „Haus der Wirtschaft und Industrie der UdSSR“ 5.1.3 IHZ-Hochhaus: „Symbol für Düsseldorf – Wahrzeichen für Oberbilk“ 5.1.4 World Trade Center 5.1.5 Internationales Handelszentrum – ein gescheitertes Konzept? 5.2 Vereinigte Kesselwerke – der letzte größere Industriebetrieb verschwindet 5.2.1 Städtebaulicher Ideenwettbewerb 5.2.2 Schleppender Beginn der Umnutzung des VKW-Geländes 5.3 Büros statt Wohnen? Nutzungskonflikte durch Tertiärisierung 5.4 Verkehrsberuhigung? 6. Multiplexe, Musicals und Tanz: „Urban Entertainment“ in Oberbilk 7. Zusammenfassung Literatur
Zusammenfassung Mit dem rasanten Strukturwandel seit Ende der siebziger Jahre, der sich durch die Stichworte Deindustrialisierung, Tertiärisierung und Globalisierung charakterisieren läßt, hat sich auch die städtbauliche Gestalt des Stadtteils Oberbilk dramatisch verändert. Durch die Schließung nahezu aller größeren Industriebetriebe wurde rund ein Drittel der Stadtteilfläche für neue Nutzungen frei. Der Prozeß der Überplanung der Altindustrieflächen, mehr noch aber die Realisierung von Umnutzungen (hochrangige Dienstleistungen, in geringerem Maße auch Wohnungen) macht paradigmatisch den Übergang von der wohlfahrstaatlich orientierten Stadt zur wettbewerbsorientierten „entrepreunrial city“ deutlich. Vor dem Hintergrund der kommunalen Finanzkrise gewinnen damit zugleich die Interessen privater Investoren, aber auch die Unwägbarkeiten der Immobilienmärkte zunehmend Einfluß auf Stadtplanung und städtebauliche Entwicklung. Exemplarisch läßt sich diese Entwicklung für Oberbilk an der Umnutzung des ehemaligen Stahlwerksgeländes hinter dem Hauptbahnhof, den Planungen für ein „Internationales Handelszentrum“ und für das Gelände Vereinigten Kesselwerke aufzeigen. In den Einrichtungen einer städtischen Unterhaltungsindustrie (u.a. Multiplexkinos, Musicaltheater) spiegeln sich darüber hinaus neben den Renditeerwartungen privater Investoren auch die gewandelten Konsum- und Freizeitbedürfnisse der weniger familienorientierten „neuen Städter“ wider.
Günther Glebe und Claudia Dehling Postindustrielle Transformationsprozesse in Oberbilk Sozialer Wandel, sozialräumliche Dynamik und Heterogenisierung in einem innerstädtischen Industrie- und Arbeiterviertel
1. Einleitung 2. Vom Industrieviertel zum Dienstleistungsstandort – der postindustrielle Wandel in der Wirtschaftsstruktur 3. Die Bevölkerungsentwicklung 1970 – 1996 4. Wohnen in Oberbilk – Wohnungsmarkt und Sozialstruktur 4.1 Differenzierung und Strukturwandel des Wohnungsmarktes · Die Auflösung des sozialen Wohnungsmarktes · Modernisierungen und Umwandlungen 4.2 Sozialraumstrukturen und sozialräumliche Dynamik – die ‘Auflösung des traditionellen Arbeitermilieus’ 4.2.1 Polarisierungs- und Marginalisierungstendenzen im Sozialgefüge · Arbeitsmarkt und sozioökonomischer Wandel · Arbeitsmigranten und soziale Segmentierung · Zunehmende Abhängigkeit von staatlichen Transferleistungen 4.2.2 Polarisierungseffekte im Sozialraum 5. Postindustrieller Wandel und demographische Transformationsprozesse 5.1 Hohe Mobilität der Bevölkerung in Oberbilk – Wandlungen im Migrationsverhalten · Oberbilk – eine Durchgangsstation? 5.1.1 Räumliche Wanderungsdynamik und Heterogenisierung · Aufwertung durch Verdrängung? · Räumliche Divergenzen im Wanderungsverhalten · Oberbilk im innerstädtischen Migrationsgefüge 5.2 Wandlungen in der Altersstruktur · Die ‘demographische Klasse’ der 20-35-jährigen · Die 20-35-jährigen als ‘Gentrifier’ · Die Altenbevölkerung – ein verharrendes Element 5.3 Wandlungen in der Haushalts- und Familienstruktur 5.3.1 Selektive Austauschprozesse und postindustrielle duale Haushaltsstruktur 6. Multikulturelle Vielfalt – ‘Miteinander leben in toleriertem Nebeneinander’ 6.1 Struktur und Dynamik ethnischer Wohngebiete 6.2 Leben im multikulturellen Nebeneinander? – Tendenzen ethnischer Segregation 7. Schlußbemerkungen Literatur
Zusammenfassung Der Niedergang der Industrie in Oberbilk seit Ende der siebziger Jahre ist auf dem Hintergrund der globalen Restrukturierungsprozesse der Wirtschaft und der Entwicklung zu einer postindustriellen Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft zu sehen. Mit diesem Prozeß sind vielfältige Veränderungen in der Bevölkerungs- und Sozialstruktur verbunden. Aufgrund der citynahen Lage war zu erwarten, daß auch Oberbilk stärker von diesem Strukturwandel erfaßt wird. Bemerkenswert ist jedoch, daß Oberbilk später und bisher weniger intensiv als andere innerstädtische Stadtteile in Düsseldorf in diesen sozio-demographischen Umstrukturierungsprozeß einbezogen wurde. So ist zwar ein Bevölkerungswandel in der Alters- und Haushaltsstruktur feststellbar, zu den befürchteten Verdrängungsprozessen großen Ausmaßes durch Gentrifizierung ist es jedoch bisher nicht gekommen. Polarisierungsprozesse zwischen einkommenschwächeren Schichten und neu zuwandernden, einkommensstärkeren Gruppen sind jedoch in Ansätzen zu erkennen. Von Bedeutung für die weitere Entwicklung werden auch die Veränderungen auf dem lokalen Wohnungsmarkt sein, insbesondere, ob sich die bisher nur schwach vorhandene Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen beschleunigen und wie sich der starke Rückgang im Bestand der Sozialwohnungen seit den achtziger Jahren auswirken wird.
Helmut Geist und Günther Glebe Struktur- und Funktionswandel des Handwerks in Düsseldorf-Oberbilk
1. Einleitung 2. Methodisch-theoretische Anmerkungen 3. Die Oberbilker Handwerksökonomie im historischen Kontext 4. Ökonomische Restrukturierung, Fragmentierung und Polarisierung des Handwerks 4.1 Fragmentierung und betriebsinterne Verhaltensmuster 4.2 Polarisierungstendenzen entlang ethnischer Linien 4.3 Wandel der Konsumstile: Ansätze einer Gentrification handwerklicher Gewerbenutzungen 5. Standortbedingungen und Raumdynamik 5.1 Struktur und Dynamik der absatzwirtschaftlicher Verflechtungen 5.2 Dynamik und Flächenprobleme 5.3 Städtebauliche Modernisierungsprozesse und Standortprobleme 6. Schlußbemerkungen Literatur
Zusammenfassung Auf der Grundlage einer Befragung der 1994 in Oberbilk ansässigen Handwerksbetriebe ist von einem überwiegend „modernen“ Gewerbe zu sprechen, das flexibel auf den ökonomischen Strukturwandel reagiert und Versorgungsleistungen für den Stadtteil, die Gesamtstadt und sogar das Umland erbringt (70% der Betriebe). Günstige Gewerbemieten und die Nähe zur City werden als Standortfaktoren geschätzt. Als einschränkend werden dagegen die beengten Raum- und Verkehrsverhältnisse empfunden („Hinterhofgewerbe“). Im Beschäftigteneffekt dominieren klar die Versorgungsfunktionen für die gewerbliche Wirtschaft, vor allem das Gewerbe der Gebäudereinigung, in dem mehrheitlich Frauen (Immigrantinnen) tätig sind. In Expansion begriffen sind ausländische „Nischenökonomien“ des handwerksähnlichen Gewerbes, das ohne spezielle Qualifikationen betrieben werden kann. Unter den Vollhandwerken, speziell in der Konsumgüterbranche, sind vereinzelte Aufwertungsvorgänge im Warensortiment zu beobachten, ohne jedoch Hinweise auf neue „Inseln“ für funktionale Eliten, der bürgerlichen „Gentrifizierer“, zu liefern.
Helmut Schneider Gentrification in Düsseldorf – Oberbilk? Innerstädtische Milieuveränderung und Lebensstildifferenzierung
1. Innerstädtische Effekte der Global-City-Formierung 2. Vom ortsgebundenen Arbeitermilieu zur „postmodernen Szenerie“? 2.1 „Oberbilk war die Welt“: Sozialmoralisches Arbeitermilieu und Raumbindung 2.2 Urbanität durch indifferente Toleranz? 3. Gentrification in Oberbilk? 3.1 Methodisches Vorgehen 3.2 Die „neuen Städter“: Pioniere und Gentrifier in Oberbilk · Definition der Bevölkerungsgruppen · Pioniere und Gentrifier in Oberbilk 3.3 Gentrification durch viertelsfremde Zuwanderung? 3.4 „Gentrifizierungsinseln“ in Oberbilk 3.5 Räumliche Überlagerung von „Lebensstil-Enklaven“ 3.6 Verdrängung durch Gentrification? 3.7 Milieuschutzsatzung – Schutz vor Verdrängung? 3.8 Posttraditionale Sozialmilieus ohne Ortsbindung? · Nachbarschaftskontakte · Sozialkontakte mit Freunden und Bekannten · Aktionsräumliches Freizeitverhalten · Aktionsräumliches Konsumverhalten · „Außenorientierung“ als Lebensstilmerkmal 3.9 Die „neuen Städter“ – eine besondere Lebensstilgruppe 4. Zusammenfassende Schlußfolgerungen Literatur
Zusammenfassung Mit Gentrification (abgeleitet von engl. "gentry" = Landadel mit städtischem Wohnsitz) wird in der Stadtsoziologie und Stadtgeographie ein Prozeß der baulichen Aufwertung und sozialstrukturellen Veränderung innenstadtnaher Wohngebiete durch den Zuzug statushöherer, einkommensstärkerer und hinsichtlich ihrer Lebensstile von der ansässigen Bevölkerung unterschiedener Bevölkerungsgruppen verstanden. Dieser auf bestimmte Bevölkerungssegmente und städtische Teilräume begrenzte Vorgang deutet gegenüber der bislang dominierenden Suburbanisierung eine Trendumkehr an. Auf der Grundlage von zwei Haushaltsbefragung (einbezogen wurden 355 Haushalte) läßt sich für Oberbilk ein in der Anfangsphase befindlicher Gentrifizierungsprozeß nachweisen. Die typische, erst in den letzten Jahren zugezogene und sich in ihren Lebensstilen deutlich von der übrigen Bevölkerung abhebende Gruppe der „neuen Städter“ („Pioniere“ und „Gentrifier“) ist in Oberbilk bereits in nennenswertem Ausmaß mit einem Anteil von ca. 23% vertreten, dieser Anteil liegt aber noch deutlich unter dem für bereits stärker gentrifizierte Stadtteile in anderen Städten. Der Gentrifizierungsprozeß setzt nicht großflächig ein, sondern kristallisiert sich zunächst an wenigen „Gentrifzierungsinseln“, die sich auch für Oberbilk nachweisen lassen: Hier sind Wohnungsumwandlungen und -modernisierungen bereits häufiger und das Mitetpreisniveau liegt bereits erkennbar über dem Stadtteildurchschnitt. Im Bereich dieser „Gentrifizierungsinseln“ ist mittelfristig auch mit einem gewissen Verdrängungsdruck zu rechnen. Indizien für einen akuten Verdrängungsdruck auf die eingesessene Bevölkerung in Oberbilk sind aber bisher nicht erkennbar. Es besteht insofern noch kommunalpolitischer und planerischer Spielraum, unerwünschten Ent-wicklungen gegenzusteuern. Im Stadtteil insgesamt wie auch im Bereich der „Gentrifizierungsinseln“ überlagern sich kleinräumig die Wohnbereiche der Bevölkerunggruppen unterschiedlicher enthnisch-kultureller Zugehörigkeit wie auch die Lebensstil-Enklaven der verschiedenen Lebensstilgruppen, die weitgehend konfliktfrei in „indifferenter Toleranz“ nebeneinander, wenn auch nicht miteinander leben. Soziale Segmentation ist insofern nicht zwangsläufig mit räumlicher Segregation verbunden. Eine Grundlage für dieses sozialräumliche Muster ist die Entkoppelung von posttraditionalen Sozialmilieus und spezifischer Ortsbindung. Darin kann ein wichtiger lokaler Effekt der Globalisierung gesehen werden.
Martina Fuchs „Hinter den Gleisen: Leben und Arbeiten in Oberbilk“ Qualitative Methoden zur Annäherung an ein innerstädtisches Quartier
1. „Lebensstile“ 2. Zur qualitativen Methode 2.1 Konzeptionelle Anmerkungen 2.2 Zur Ausstellung als qualitativer Methode 3. Themen der Ausstellung 3.1 Oberbilk – ein Quartier zwischen den Gleisen 3.2 Gestern Arbeiterstadtteil ... heute Quartier „neuer Städter“? 3.2.1 Pioniere und Gentrifier 3.2.2 Alleinerziehende Frauen 3.2.3 Familien deutscher Staatsbürgerschaft 3.2.4 Familien ausländischer Staatsbürgerschaft 3.2.5 Ältere Einwohner 4. Ausblick Literatur
Zusammenfassung Eine studentische Arbeitsgruppe hat eine Ausstellung über Oberbilk erstellt und in dem Stadtteil präsentiert. Die Grundlage hierfür bildeten Interviews, bei denen Einwohner als Experten ihrer Situation befragt wurden. Eine große Anzahl von Fotoaufnahmen der Bau- und Lebenswelten in dem Stadtteil ergänzten die Befragung und lieferten weitere Materialien. Die Ausstellung umfaßt Tafeln, welche die Gentrifizierung erläutern, sowie Karten, Diagramme, Texte und Bilder. Außerdem werden subjektive Perspektiven aus der Sicht von Einwohnern Oberbilks dargestellt, wie Impressionen von „Alt“ und „Neu“, Einzelhandel und Handwerk. Die Ausstellung verdeutlicht, daß die Gentrifizierungsinseln recht isoliert in dem Stadtteil liegen, in dem neben der traditionellen Arbeiterschaft vor allem ausländische Familien, Studenten und Rentner als „typische Einwohner“ anzutreffen sind.
Herausgeber: Vorstand des Geographischen Instituts Redaktion: Dr. Dr. Wilfried Linder und Dr. Helmut Schneider Stand: 15.07.2002
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